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BILLIE INTERRUPTED

The Silence of the Girls von Pat Baker

// BILLIE INTERRUPTED

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In ihrem Wohnzimmer steht ein deckenhohes Bücherregal, das weiß ist und von IKEA (the cardinal sin). In diesem Bücherregal stehen Unmengen an Büchern. Viele von ihnen sind gelesen. Die meisten aber nicht. Für diese Rubrik liest unsere Kolumnistin jeden Monat eines dieser ungelesenen Bücher, und vervollständigt so nach und nach die Lücken in ihrem Bücherregal.

Erster Eintrag: The Silence of the Girls

Eines der Bücher, die ich vor ungefähr neun Monaten in der Mall in der Waterfront in Kapstadt gekauft habe, weil ich glaubte, über die Tage noch Zeit zum Lesen zu finden. Die Zeitspanne, die dieses Buch ungelesenen in meinem Regal verbracht hat, ist also verhältnismäßig noch sehr überschaubar. Ich hatte von allen Büchern, die ich im selben Laden kaufte, am meisten Lust, dieses zu lesen.

Die Version, die ich besitze, ist ein Softcoverband mit gelbem Untergrund, darauf zu sehen sind Figuren, die anmuten wie auf griechischen Vasenmalereien. Griechische Kunst ist uns so allgegenwertig, dass wir ihre Formen kaum hinterfragen. Und dann kommt 2018 jemand daher und stellt zweifelsfrei fest, dass die ganzen Marmorstatuen ehemals farbig waren, und sich über Jahrhunderte die Wissenschaftler*innen geweigert haben, die Farbüberreste als solche zu erkennen bzw. zu sehen.

Ums Gesehen werden geht es bei The Silence of the Girls, denn die Idee des Romans ist so einfach wie genial: griechische Mythen, die aus weiblicher Perspektive nacherzählt werden. Es gibt sie, die Männer, die Agamemnons und Odysseuse, und vor allem DEN Achilles, aber sie wirken anders in dieser Nacherzählung aus neuem Blickwinkel.

Sprachlich borgt The Silence of the Girls manchmal Stilblüten griechischer Hymnen, lebt aber von einer Einfachheit und Intimität der Sprache, die die schwachen weiblichen Hintergrundfiguren der antiken Hymnen zum Leuchten bringt. Meine Version des Buches ist auf Englisch.

Spannend ist, dass Pat Baker eine Frau ist, die erst sehr spät zum Schreiben kam. Jemand, der selbst lange still war, bevor sie ihre Stimme fand. Bevor sie die Berechtigung dazu sah, ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Um ehrlich zu sein bin ich momentan noch nicht ganz fertig mit The Silence of the Girls, bislang aber hält es mich fest in seinem Bann, so dass ich sicher bin, dass es nicht zur langen Liste unterbrochener Bücher hinzugefügt werden wird, für die es wahrscheinlich eine eigene Kolumne braucht – unterbrochen, für später aufgehoben, nie dazu gekommen.

Auf die letzte Seite habe ich allerdings schon einmal vorgelugt. Dort heißt es: Now, my own story can begin. Hoffentlich stimmt das.

The Silence of the Girls von Pat Barker, erschienen bei Penguin Press/Random House UK, 2018.