Review

Panashe Chigumadzi: Sweet Medicine

// Black HERstory Month

// Im Februar 2020 habe ich eine Reihe an Empfehlungen für Bücher von weiblichen bzw. female presenting Schwarzen, afrikanischen Autor*innen auf Instagram hochgeladen. Im deutschsprachigen Raum sind Schwarze Autor*innen ohnehin unterrepräsentiert, von Schwarzen Autor*innen Afrikas, die nicht in der europäischen oder amerikanischen Diaspora sozialisiert wurden, hört man so gut wie gar nichts. Hier die Rezension zu dem siebten Buch, das ich im Rahmen des Black History Month empfohlen habe. Ich nehme in diesen Rezensionen grundsätzlich Bezug auf die englischen Originalversionen (in manchen Fällen auch Übersetzungen) der Romane. Auf deutsche Übersetzungen weise ich hin.

7. Panashe Chigumadzi: Sweet Medicine

Was ich mich frage: Welche Assoziationen die meisten weißen Personen wohl haben, wenn sie so einen Titel in Kombination mit diesem Cover sehen? Medizinmänner und Voodoo, Frauen, die als Allheilmittel herhalten müssen für die Bedürfnisse von Männern, die eines sexual healings bedürfen? Wahrscheinlich. Was ich mich in Bezug auf Sweet Medicine aber besonders frage: Was ist letztendlich die Lösung, das Heilmittel, für die Probleme der Protagonistin Tsitsi, die sich 2008, zum Höhepunkt der finanziellen Krise in Harare, versucht, ihren Weg in einer erkrankten Gesellschaft zu bahnen?

Tatsächlich ist der Titel nicht so sehr eine Anspielung auf Heilendes, sondern auf die Bitterkeit der Tatsachen, die falsche Versprechen nur als Placebo, wenn überhaupt, kaschieren können. Um überleben zu können, leugnet Tsitsi ihre christlichen Werte, desintegriert sie sich quasi im sich desintegrierendem Simbabwe selbst, und geht Sexarbeit nach, um ihre Mutter zu unterstützen. So weit, so voraussehbar. Aber Chigumadzi verleiht der Geschichte einen eigenen Twist. Letztendlich bleibt Tsitsi nämlich ungestraft und emanzipiert sich aus der Notwendigkeit heraus, etwas zu unternehmen, ein Subjekt zu werden in einer Umgebung, die sie zum Objekt machen will (indem sie diese Objektifizierung annimmt und umkehrt). Eingebettet sind finanzieller Verfall und moralische Fragestellungen immer in den Kontext von kolonialistischen Strukturen, die sich durch Korruption immer weiter verfestigen.

Von formaler Radikalität ist der Gebrauch von Slang und Dialogen auf Shona ohne Übersetzung. Chigumadzi verzichtet bewusst auf eine. Das Gesagte soll denjenigen, die es nicht verstehen oder nicht gewillt sind, das Verstehen zu erlernen, verschlossen bleiben. Vielleicht ist Shona für Chigumadzi auch eine Art Rückkehr, denn obgleich in Simbabwe geboren, ist sie in Südafrika aufgewachsen. Um Migrationsprozesse innerhalb Afrikas wird es in dieser Rezensionsreihe immer wieder gehen, aber die Sehnsucht nach einer anderen Art von afrikanischem Zusammenhang ist eine profunde Wahrheit, die wenige im Westen Aufgewachsene wahrnehmen.

“Sweet Medicine” ist 2016 bei Jacana Media erschienen und wurde bislang noch nicht ins Deutsche übersetzt.

 

 

       Bild von Marie Minkov (@mmariemkv auf Instagram)